Der Graf im exklusiven Interview

"Die Musik hat mich gerettet!"

Wenn man 2010 und 2011 mit der Single „Geboren um zu leben“ und dem Album „Große Freiheit“ einen Musikrekord nach dem anderen gebrochen hat, einen Schrank voller Musikpreise kassiert und eine ausverkaufte Tour vor bis zu 30.000 Fans gespielt hat, dann darf man sich als Musiker schon was drauf einbilden und die Nase ein bisschen hoch tragen. Nicht so der Graf von Unheilig. Im Interview plauderte er offen über den Erfolgsdruck beim neuen Album „Lichter der Stadt“, verwirrende Rote-Teppich-Auftritte, ungewöhnliche Duett-Partner und seine toleranten Fans.

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"Lichter der Stadt" von Unheilig: Der Graf im Interview
Der Graf von Unheilig über Musik als Therapie, ungewöhnliche Duettpartner und tolerante Fans.

von Claudia Drechsel

Lieber Graf, magst du mir etwas über dein neues Album „Lichter der Stadt“ erzählen? Du hast gesagt, es sei das Privateste, das du je geschrieben hast. Wieso?

„Lichter der Stadt“ ist im Grunde so eine Art musikalisches Tagebuch der letzten zwei Jahre. Viele Augenblicke, die ich erlebt habe, haben mich so berührt, dass ich sie quasi in der Musik verarbeiten wollte. Vor zwei Jahren kam der große Erfolg und alles ist auf mich eingeprasselt. Ich kam mir damals vor wie der kleine Junge vom Land, der plötzlich in der Großstadt ist. Der Erfolg war meine Großstadt, alles ist neu, alles ist ungewohnt, tausend Menschen, jeder will was von dir. Mein Traum als Musiker ist endlich wahr geworden. Aber ich brauchte Zeit, um das zu verarbeiten, denn das war doch eine wahnsinnige Menge an Input, den ich verarbeiten musste. Ich hab mir ein kleines portables Studio gemacht und überall wo ich war, habe ich mich hingesetzt und losgeschrieben, um diese Dinge zu verarbeiten.

Wie schreibst du? Fließt das einfach so aus dir heraus oder hast du vorher ein Konzept im Kopf, wo du mit einem Song hinwillst?

Es muss immer eine Emotion da sein. Der Song „Lichter der Stadt“ war irgendwann da, weil ich mir gewünscht habe, über den über den Dächern der Stadt, in der ich gerade war, zu stehen. Ich wollte einfach den Überblick kriegen: Wo befinde ich mich überhaupt, wie groß ist das Ganze? „Ein guter Weg“ ist inspiriert worden durch Hospiz-Besuche, zu denen ich in den letzten zwei Jahren eingeladen worden bin, weil es dort Menschen gab, die mich vor ihrem Tod gerne sehen wollten. Ich bin kein Mensch, der das einfach an- und ausschaltet, das sind ja Eindrücke und Bilder, die du mit nach Hause nimmst. Da habe ich mich irgendwann hingesetzt und mir das von der Seele geschrieben. Es gibt keinen Plan beim Schreiben. Da ist eine Emotion in mir, und die Emotion muss raus. Und wenn sie raus muss, kann ich das am allerbesten, indem ich ein Lied darüber schreibe. Die Musik hat mich schon irgendwie gerettet. Sie ist meine musikalische Therapie, um mit dem Erfolg der letzten zwei Jahre klar zu kommen.

Konntest du dich beim Schreiben frei machen vom Erfolgsdruck, weil das letzte Album „Große Freiheit“ so super gelaufen war?

Ja, konnte ich. Und der Vorteil, der beim Schreiben jetzt dazu kam, war ja, dass du nicht drüber nachdenken musstest, wann in aller Welt du Lieder für das nächste Album schreiben willst, denn diese ganzen Lieder entstanden sozusagen von allein. Ich habe mir einfach immer wieder alles von der Seele geschrieben, weil mir danach war, und plötzlich hatte ich zehn, 12 Lieder und dachte mir: „Wow, das ist ja schon fast ein Album!“ Ich habe einfach weiter geschrieben bis der Punkt kam, an dem ich wusste, jetzt kann ich zusammensuchen, welche Lieder ich gerne auf dem nächsten Album haben möchte.

"Wenn du das zu Hause erzählst, glaubt dir das kein Mensch!"

"Lichter der Stadt" von Unheilig: Der Graf im Interview
Der Graf: "Ich bin an einem Punkt im Leben angelangt, wo ich immer hin wollte."

Wie heftig war der plötzliche Erfolg für dich? Du warst ja vorher eher ein Musik Act, der in der „Schwarzen Szene“ bekannt war – und plötzlich stürmst du die Charts und wirst in TV-Shows eingeladen und gibst Konzerte vor 30.000 Leuten. Wie fühlt sich das an?

Den Erfolg musst du erst einmal verarbeiten. Oh, Gott, der rote Teppich, was machst du denn hier? Jetzt kommt der auf dich zu und will was von dir! Du kommst dir vor wie in deinem Plattenregal – und dann kennen die dich auch noch alle! Und das ist alles neu. Ich habe mich da eher so als Zuschauer gesehen. Das war wie Kino, wo du gerade selber drin bist. Ich bin kein Mensch, der da eiskalt reingeht: „Roter Teppich, ich mach das jetzt, zack, zack.“ Ich nehme das schon mit einer wahnsinnigen Begeisterung wahr, bei der ich denke: „Boah, wenn du das jetzt mal zu Hause erzählst, was du hier gerade erlebst, das glaubt dir kein Mensch!“

Als ich das Album gehört habe, hatte ich den Eindruck, dass du an einer Art Wendepunkt stehst: Du blickst sehr viel zurück in den neuen Liedern, erinnerst dich an gute alte Zeiten; dann wieder verspüre ich eine gewisse Unsicherheit, was deine Zukunft angeht? Täusche ich mich da?

Es geht schon darum, dass ich 2010 und 2011 gemerkt habe, dass ich als Musiker an einem Punkt angelangt bin, wo ich immer hin wollte. Ich habe eigentlich mein Ziel erreicht: Du bist unabhängig, du hast dein Hobby zum Beruf gemacht und du kannst sogar davon leben. Hurra! Und in dem Moment, wo du so selbstsicher wirst und dir bewusst wird, was du erreicht hast, beschäftigst du dich auch damit, wie du angefangen hast. Mensch, weißt du noch, vor zehn Jahren, wer hätte das gedacht. In dem Moment, in dem du was erreicht hast, denkst du darüber nach, wie lange der Weg dorthin war. Diese ganzen Superlative, das waren ja Dimensionen! Und wenn es dann heißt, du hast Musikgeschichte geschrieben, dann denkst du dir auch so: „Hä? Warum?“ Du fühlst dich ja nicht so. So beginnt man, ein bisschen mit der Vergangenheit zu spielen. Das ist schon so gewesen. Ich hab auch 2010 und 2011 über die Zukunft nachgedacht. Wo gehst du hin, welchen Weg gehst du? Ist das richtig, was du tust? Ich habe mich immer wieder in Frage gestellt. Ich habe ja auch Entscheidungen getroffen, die sehr polarisiert haben, die seitens der Gothic-Szene gar nicht gut ankamen.

Die Gothic-Szene hat dir vorgeworfen, dass deine Musik in die Schlagerrichtung geht und du in „Mainstream“-Fernsehshows auftrittst ...

Da gab es „Verräter“-Stimmen, ja. Ich bin ein Mensch, der sich immer in Frage stellt, bei allem, was er tut. Wenn mich einer kritisiert, dann frage ich mich immer, hat er Recht, hat er nicht Recht? Ich versuche das zu verstehen. Aber mir war irgendwann klar, dass mein Weg der richtige ist. Bei mir ist jeder Mensch gleich, ich mache da keine Unterschiede, und ich darf das auch nicht. Wenn du zu einer Show eingeladen wirst, ist es eine Sache des Respekts, dort hinzugehen. Ich darf doch Menschen nicht nach ihrem Aussehen beurteilen oder danach, wie alt sie sind, was sie gerne machen oder hören, und dann sagen: „Nee, DU darfst meine Musik nicht hören!“ Ist doch Blödsinn, wenn ich Künstler bin, will ich gehört werden! Das habe ich mir einfach irgendwann gesagt und dann war mir klar, welchen Weg ich gehe. In die Zukunft raus ist der natürlich ungewiss, aber ich gucke, wo er hin führt und wie lange es noch geht. Ich werde immer Musik machen, aber irgendwann wird der ganze Lärm um Unheilig aufhören, das ist mir bewusst. Wichtig ist, dass ich mich im Spiegel angucken kann.