SONNTAGS I 17:00

Der inszenierte Toyota-Skandal

Der inszenierte Toyota-Skandal
© dpa, Karl-Josef Hildenbrand

Unsaubere Methoden made in USA

Von Peter Stützer

- Anzeige -

Plötzlich hatte ich diese Frau am Ohr. Entsetzlich. Wie konnte das passieren? Sie sprach zunächst langsam und leise, aber irgendetwas ließ mich aufhorchen. Unheil lag in der Luft. Sie fragte, ob ich ihre Post nicht lese; wie könnte ich, war meine Antwort, anderer Leute Briefe gehen mich nichts an. Sie wurde lauter. Aber der sei doch an mich adressiert gewesen und von großer Bedeutung. Ich zuckte für sie unsichtbar mit den Schultern, doch dann gingen mit ihr die Gäule durch.

Nein, ich werde jetzt nicht wiederholen, was sie gesagt hat; alles, was sie sagen wollte, war eh geschrien. Als müsse sie allein den Ruf ihres ganzen Landes retten. "Der ist nicht zu retten", gab ich zurück, es handele sich hier schließlich um die Vereinigten Staaten von Amerika. Das mag vielleicht etwas flapsig gewesen sein, jedenfalls ging die nächsten zehn Minuten ein unglaublicher Wortschwall über mir nieder. Eine Frechheit, was ich den Amerikanern unterstelle, ein verbotenes Parteigehen mit Japanern, pah!, Toyota solle erstmal richtige Autos bauen, mit ganz viel Platz, ganz viel Hubraum, mit ganz viel Größe. Ich habe ihr noch versucht zu erklären, dass all das mittlerweile überholt sei wie die amerikanische Autoindustrie auch - dann hat sie aufgelegt, gottlob.

Auslöser war eine Äußerung in "auto mobil"

Der inszenierte Toyota-Skandal
© dpa, Oliver Berg

Was sie überhaupt wollte? Was vorher geschehen war? Sie ist Amerikanerin, und so sind derzeit die Amerikaner und die amerikanische Autoindustrie: ein bisschen sehr durcheinander. Mein Vergehen: Ich hatte während einer Moderation für die Sendung "auto mobil" behauptet, dass die unglaublichen Rückrufaktionen japanischer Autos in den USA bestimmt nicht astrein ablaufen, sondern nur das eine Ziel verfolgen, den Kontrahenten Toyota am Markt zu schwächen.

Gespenstische Szenarien wurden da entwickelt: Autos, die sich nicht stoppen lassen, die einfach immer weiter beschleunigen, Fußmatten, die sich im Gaspedal verheddern, amerikanische Tote in japanischen Autos. Bitte schön, zu einem Zeitpunkt, zu dem sich Toyota auf das letzte Stück Weges machte, General Motors vom ersten Platz in der Welt zu verdrängen, konnte man an solcherlei verlogene Methoden doch riechen, und es stank wirklich zum Himmel.

Die Dame, die keine Lady war, ist längst wieder verschwunden, hat nicht mal im Brief eine Adresse oder einen Namen hinterlassen, sie wird sich hoffentlich nichts antun. Denn jetzt kommen in den USA die Wahrheiten auf den Tisch. Wahrheiten, für die sich die Amerikaner schämen sollten statt immer weiter zu protzen. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen, was Rückrufaktionen von über 8 Millionen Toyotas weltweit den ambitionierten Hersteller kosten würden.

Der Imageschaden ist schon riesig und schwer zu beziffern, aber diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nach dem Skandal verkaufte Toyota als einziger der großen Autohersteller weniger Fahrzeuge als zuvor. Erst jetzt wieder, nach den ersten guten Nachrichten seit langem, stieg an der Wall Street der Kurs der Toyota-Aktie gleich um vier Prozent. Erleichtert über diese Ergebnisse dürfte man bei Toyota auch deshalb sein, weil eine Vielzahl von Gerichtsverfahren anläuft, die Toyota weiter schwächen und in die Knie zwingen könnten.

Das Gaspedal soll geklemmt haben

Der inszenierte Toyota-Skandal
© dpa, Oliver Berg

Vorgeworfen wurde Toyota in den USA, und nur da, vielfach habe im neuen Prius das Gaspedal geklemmt, sodass der Toyota immer weiter beschleunigte statt zu bremsen. Ursache soll eine fehlerhafte Elektronik gewesen sein. Wie es aussieht, entkommt Toyota weiteren negativen Folgen dieses Skandals. Entlastung verschafft den Japanern nun eine Untersuchung der US-Raumfahrtbehörde Nasa, die ausgerechnet die amerikanische Regierung in Auftrag gegeben hatte.

Das Ergebnis lässt die amerikanischen Autofahrer als teils tölpelhaft dastehen und die Behörden als leichtgläubig. Viele der monierten Pannen ereignet sich keineswegs wegen fehlerhafter Elektronik; wenn überhaupt, waren mechanische Fehler der Grund. Mal hatte tatsächlich die Fußmatte das Gaspedal blockiert, Hinweise auf Elektronikfehler wurden aber keine gefunden. Das Mitwirken der Autofahrer am gewollten Skandal nimmt teils schon groteske Züge an. In vielen Fällen hatten sie moniert, die Bremsen hätten nicht funktioniert. Peinlich, peinlich, die Nasa-Wissenschaftler fanden heraus, dass die Fahrer in der Hektik offenbar vielfach Gas- und Bremspedal verwechselt haben. Andere zeigten sich in schlechtem körperlichem Zustand, wieder andere vereinzelt unter Alkoholeinfluss.

Toyota hat die Krise, trotz deutlicher Verluste, halbwegs überstanden; 2010 schlossen die Japaner zum dritten Mal hintereinander mit den weltbesten Absätzen. Sie verkauften weltweit 8,418 Millionen Fahrzeuge, General Motors 8,390 Millionen - die Amerikaner hatten die Spitzenposition bis zur Ablösung durch Toyota 2008 stolze 80 Mal in Folge inne.

Wird VW die neue Nummer eins?

Der inszenierte Toyota-Skandal
© Abdruck fuer Pressezwecke honorarfrei

In Lauerstellung folgt Volkswagen an dritter Stelle. VW unternimmt strategisch eindeutige Bemühungen: Auf der Detroit Auto Show im Januar wurde ein Passat speziell für den amerikanischen Markt vorgestellt. Und in Chattanooga, Tennessee, ließ VW-Chef Martin Winterkorn für eine Milliarde Dollar ein neues Werk bauen. Der Angriff hat begonnen, bis 2018 will Volkswagen Toyota an der Weltspitze abgelöst haben.

Doch Vorsicht: Toyota hat eben erst schmerzhaft erfahren müssen, dass ein mächtiger Gegner beinahe in der Lage war, den Weltmeister im Autobauen vom Thron zu stoßen, viel hat nicht gefehlt. Die Methoden waren dabei nicht immer sauber. Drum aufgepasst, VW: Wenn die Wolfsburger dann schon bald an der Nummer zwei vorbeiziehen wollen, wird ihnen keiner den roten Teppich ausrollen - schon gar nicht im eigenen Land. Und auch die Japaner haben gelernt, sich zu wehren.

Mit dem Wissen von heute hätte ich damals natürlich ganz anders argumentieren können. Es bleibt dennoch die Frage, ob mich die gute Frau hätte zu Wort kommen lassen. Wissen lag bei ihr ja nun nicht gerade vor, und in Sachen Nationalstolz neigen die Amerikaner schon seit jeher zur Übertreibung. Aber geholfen hat ihr das auch nicht.