SONNTAGS I 17:00

Deutschland, Land der Schlaglöcher

Deutschland, Land der Schlaglöcher
© dpa bildfunk

Der Frost ist schuld, und wer noch?

Von Peter Stützer

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Sie sind jetzt einfach überall. In jeder Stadt, in jedem Dorf, in jeder Straße. Sie sind nicht mehr zu übersehen, und jeden Tag werden es mehr. Sie gehören zu unserem Alltag, zu unserem Dasein – ja, zu uns: Deutschland, das Land der Dichter und Denker und – der Schlaglöcher? Es sind Millionen, und jedes einzelne ist eine Plage. Sie machen Ärger, sie machen Politik - was ja fast das gleiche ist -, ja, sogar Geld machen sie. Sie müssen dringend weg, aber keiner kann das bezahlen. Also kommen sie zunächst mal ein bisschen weg, sozusagen auf baldiges Wiedersehen: die Schlaglöcher auf unseren Straßen. Der Frost ist schuld, und wer noch?

Schweigen in den Amtsstuben: Bevor eine einfache Wortmeldung als Schuldeingeständnis angesehen wird, sagt lieber keiner was. Und überhaupt: was heißt schon Schuld? Kein Mensch kann für den zweiten eiskalten Winter nacheinander, kein Mensch hat diese Löcher selbst gebuddelt - dafür sind wirklich andere zuständig. Der Mensch, besser: der Beamte hat jetzt alle Hände voll damit zu tun, Kreis-, Landes- oder Bundesstraßen auseinander zu halten und damit die Zuständigkeiten. Das kann dauern.

Es sind nämlich manche noch nicht ganz ausgeschlafen; ihnen stellt sich das Thema nicht zwingend, "also da müsste ich mal nachhören..." Und damit ist erst mal Hängen im Schacht. Zuständig ist in Wahrheit keiner, und der Winter, doch, der kam schon einigermaßen überraschend - erst recht zu dieser Jahreszeit. Nicht mal Streusalz gab es ausreichend, ja wo sind wir denn?

Kommt jetzt die Schlaglochsteuer?

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© dpa, Rainer Jensen

So wurde anlässlich der Eiszeit doch tatsächlich der Bundesverkehrsminister gefragt, ob denn jetzt, wo fast überall die Kassen leer sind, nicht eine Schlaglochsteuer opportun sei. Wiederhole: eine Schlaglochsteuer! Der Minister macht ein empörtes Gesicht, vermittelt aber gleichzeitig den Eindruck, dass er für eine gute Idee immer zu haben sei. Und so schlecht scheint ihm die Idee nicht. Apropos Idee: Ein Bürgermeister in Thüringen verkauft seit Neuestem jedes Schlagloch seiner Gemeinde, das Stück für 50 Euro. Dafür wird es saniert, und der Besitzer kriegt eine Plakette. Der Zuspruch ist rege.

Auch machen sie Überschriften: Schlaglöcherschlagzeilen. Ganz beliebt auch die Freude am Leid der anderen: Schlaglöcher aus Russland, zum Beispiel, zu besichtigen im Internet, YouTube natürlich, zum Gröhlen komisch. Auto fährt durch Riesenschlagloch, randvoll mit Wasser, die Tiefe nicht zu erkennen, Auto fällt tief, fliegt hoch, landet unsanft, zerfällt in tausend Kleinteile. Russenqualität halt. Oder: Schulbus fährt durch Riesenschlagloch, katapultiert ein Mädchen hoch bis an die Busdecke, fliegt dann zwei Sitzreihen nach vorne, bleibt gottlob unverletzt.

Den Schaden hat der Autofahrer

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© picture-alliance/ dpa, Peer Grimm

So gesehen haben Schlaglöcher sogar einen gewissen Unterhaltungswert, doch in Wahrheit sind sie nichts als ein Dilemma ohnegleichen. Wer sie mit Schmackes durchfährt, tut den Alufelgen, Spoilern, Auspuffen seines Autos nicht gerade einen Gefallen; mit ein bisschen Glück kommt er mit dem Verlust der Radkappen davon. Doch dann glaubt er sich schon wieder Narrenkappen gegenüber, wenn es darum geht, Verantwortliche zu finden, die für den Schaden aufkommen. Schon mittelschwere Verletzungen einer Felge zum Beispiel können ganz schön teuer werden. Auch glaubt sich der Autofahrer im Recht, weil doch die Gemeinde eine "Verkehrssicherungspflicht" hat. Das heißt auf Deutsch, dass sie für den ordnungsgemäßen Zustand der Straßen verantwortlich ist.

Doch kaum fühlt sich der Autofahrer mal überlegen, kriegt er es auch schon wieder knüppeldick; auch der Bundesverkehrsminister lässt den Schlaglochgeschädigten mit seiner kaputten Chaise auflaufen wie der um Ausreden nie verlegene Beamte vom Dienst. Der zitiert bloß einen windigen Gerichtsbeschluss und hat ab sofort mit gar nichts was zu tun. Also: Die Pflicht einer Kommune zur sogenannten Gefahrenabwehr bestehe demnach nur dann, "wenn sich der Autofahrer bei gebotener Sorgfalt nicht auf eine Gefahr durch Schlaglöcher einstellen kann." Drum stellt die Stadt hier und da Warnschilder auf und ist elegant aus dem Schneider. Der Schaden? Ach so, ja, nee, damit hat die Behörde nichts zu tun. Und auch nicht der Verkehrsminister. Der muss jetzt sehen, wie er den volkswirtschaftlichen Schaden in Milliardenhöhe quitt wird. Der Autofahrer, das ist schon mal klar, kriegt von ihm gar nichts. Soll er besser hingucken beim Verkehr.

Flickschusterei zahlt sich nicht aus

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© dpa, Jan-Peter Kasper

2,2 Milliarden Euro macht Peter Ramsauer jetzt locker, fürs Notwendigste, fürs Löcherzuschütten, für die kleinen Lösungen. Gründlich müsse man dann später werden. In Wahrheit ist das die teuerste Lösung - Flickschusterei zahlt sich nicht aus. Doch der Minister bittet um Verständnis; so ganz nebenbei muss er ja auch noch die Bahn sanieren. Aktuellste Maßnahme, verkündet am Mittwoch: ICE-Züge, die 2012 fürs Ausland bestimmt sind, bleiben erst mal im Lande. Da sei genug zu tun.

Vielleicht - aber das müsste dann ein anderer in die Hand nehmen - ließe sich mit den Franzosen zum Beispiel ja ein Gegengeschäft machen: Wir behalten den ICE, dafür kriegt ihr unseren Ramsauer.