"Die Verdammten" im Papstpalast von Avignon

«Die Verdammten» im Papstpalast
Das Theaterfestival von Avignon: Im Ehrenhof des Papstpalastes zeigt der Belgier Ivo van Hove eine Bühnenfassung von Viscontis Filmklassiker "Die Verdammten". Foto: Sabine Glaubitz © DPA

Videos vom Reichstagsbrand, Ausschnitte aus dem KZ Dachau und Rammstein-Klänge: Mit der Uraufführung des Politdramas "Die Verdammten" über den Aufstieg des Nationalsozialismus hat der belgische Regisseur Ivo van Hove (57) das Publikum im Ehrenhof des Papstpalastes in Avignon in den Bann gezogen.

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Minutenlange Ovationen der rund 2000 Zuschauer folgten dem Ende des zweistündigen Stücks, das sich an den umstrittenen Historienfilm des Italieners Luchino Visconti aus dem Jahr 1969 anlehnt. Machtwahn, Mord und das Aufkommen einer todbringenden Ideologie: Seinen 70. Geburtstag begeht das Theaterfestival in Südfrankreich mit schwerer Kost.

Angesichts einer Politik, die Verzweiflung schüre, wolle das Theater politische Hoffnung schaffen, erklärte Olivier Py, der 50 Jahre alte Direktor des Festivals, das weltweit zu den bedeutendsten zählt. Und so ist das knapp dreiwöchige Festival am Mittwoch gleich mit drei Stücken zum Thema Macht und Demokratie gestartet.

Die Uraufführung der "Verdammten" des 57-jährigen van Hove gehörte zu den Highlights des Eröffnungstages. Als "Feier des Übels" definiert der Regisseur sein Stück, in dem er in einer originellen und teilweise schrillen Inszenierung den Niedergang einer deutschen Industriellenfamilie und den Aufstieg der Nazis zeigt.

Visuell hat van Hove das Drama in einer provokanten Ästhetik umgesetzt: Eine Kamera begleitet die Schauspieler auf der Bühne, fährt ganz dicht an ihre Gesichter oder auch nackten Körper heran und projiziert sie auf einer riesigen Leinwand.

Das Drama endet in einer blutigen Orgie der SA, der Sturmabteilung der NSDAP. Dazwischen Musik von Igor Strawinsky und Arnold Schönberg, die die Nazis "entartet" nannten, kontrastiert mit den Klängen der sogenannten Neuen Deutschen Härte der Band Rammstein. Am Schluss Verse aus dem NS-Kampfsong Horst-Wessel-Lied: "Die Fahne hoch".

Mit dem Stück will van Hove vor dem wachsenden Rechtspopulismus in der Welt warnen. Er habe Angst vor der zunehmenden Verbindung von Politik und Religion. Man müsse Staatsmänner wählen, die in der Lage seien, dieses Problem anzugehen, erklärte er in einem Interview. Wenn nicht, würden Parteien wie Front National in Frankreich mit Marine Le Pen gewinnen oder Neu-Politiker wie der Amerikaner Donald Trump. In seinen Augen könne das so grausam wie in den "Verdammten" werden.

Vor dem Machtwahn von Politikern warnt auch die Regisseurin Maëlle Poésy. Ihr Stück "Ceux qui errent ne se tompent pas" (etwa: Verirrte irren sich nicht) handelt von einer Revolution an der Urne. In Frankreich haben mehr als 80 Prozent der Wähler einen leeren Stimmzettel abgegeben. Die Regierung sieht in der Kritik ihrer Politik ein Komplott und reagiert mit Repressalien.

Man sucht die Anstifter der "Leeren-Stimmzettel-Revolution" und lässt den Ausnahmezustand ausrufen. Die 32-jährige Französin thematisiert also die Bedeutung der Wahlen in den westlichen Demokratien und die Frage, ob das Wahlvolk noch die Politik verändern kann.

Von der Krise der Demokratie handelt auch das Stück von Py. Der 50-Jährige stellte am Mittwoch "Der gefesselte Prometheus" nach dem gleichnamigen Stück des griechischen Tragikers Aischylos vor. Das Drama handelt von einem göttlichen Polizeistaat, der die Menschen mit Gewalt zur Einsicht bringen will.


dpa