Interview Louie Psihoyos

Interview Louie Psihoyos

Interview mit Regisseur Louie Psihoyos zum Kinostart 2009

Interview Louie Psihoyos

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WAS HAT SIE DARAN GEREIZT, EINEN FILM ÜBER RIC O'BARRY UND SEINE ARBEIT IN TAIJI ZU DREHEN?

Zuerst war ich neugierig, warum er bei dieser Konferenz keine Rede halten durfte. Als ich ihn schließlich fand, erklärte er mir, dass er über eine geheime Bucht in Japan sprechen wollte, in der die Delfinhändler einen Großteil der Tiere für Delfinarien und Entertainment-Parks fangen und aussuchen. Er erzählte mir, dass die Tiere, die nicht genommen werden, getötet und für Schulspeisungen verwendet werden. Ich konnte mir keine Zivilisation vorstellen, die Delfine umbringt, und so lud mich Ric für die folgende Woche nach Taiji ein, die kleine Stadt mit diesem großen Geheimnis.

WIE WAR TAIJI?

Die Stadt war wie aus einem Roman von Stephen King - nach Außen ging es im ganzen Ort um Ehrfurcht, Respekt und Liebe für Delfine und Wale, doch was heimlich in der Bucht passierte, erzählte eine ganz andere Geschichte. Eine Geschichte, die ich unbedingt herausfinden wollte. Die Bucht ist eine natürliche Festung, die von drei Seiten durch steile Klippen geschützt ist. Der Eingang ist an der einen Seite durch eine Reihe hoher Stacheldrahtzäune geschützt, und es gibt zwei Tunnel, die von Wachen mit Hunden gesichert werden. Nach einem Stadtrundgang mit Ric habe ich das Büro des Bürgermeisters von Taiji und die Vereinigung der Delfinjäger angerufen - ich wollte ihre Version der Geschichte hören und mich rechtlich absichern. Aber ich habe damit in ein Wespennest gestochen - danach wurde ich rund um die Uhr von der Polizei überwacht, während ich in der Stadt war. Die Stadt war aber nicht an einer Zusammenarbeit interessiert - sie machen zu viel Geld mit den Delfinen und wollen das Geschäft nicht durch einen herumschnüffelnden Journalisten gefährden. Der Bürgermeister sagte mir, ich könnte verletzt oder getötet werden, wenn ich den Delfinjägern oder der geheimen Bucht zu nahe käme. Die Bucht befindet sich seltsamerweise mitten in einem Nationalpark, genau im Stadtzentrum zwischen Rathaus und Walmuseum. Ric erzählte mir, um in die geheime Bucht einzudringen, müsste man schon ein Team der Navy Seals anheuern. Und so was in der Art habe ich dann auch getan, nur dass mein Team eher wie die "Ocean's Eleven" waren.

IHR TEAM BESTEHT AUS SEHR AUSGEWÄHLTEN PERSONEN. WIE HABEN SIE ES ZUSAMMENGESTELLT?

Ich habe meine Freunde Mandy-Rae Cruickshank und Kirk Krack für die Unterwasserkameras und -mikrophone um Hilfe gebeten. Mandy ist achtfache Weltmeisterin im Apnoetauchen. Sie kann ihre Luft für sechseinhalb Minuten anhalten und ohne jede Hilfe fast 100 Meter tief tauchen. Ihr Ehemann Kirk ist ebenfalls Apnoetaucher. Ein früherer Fotoassistent von mir arbeitet bei Industrial Light and Magic, George Lucas’ Firma für Special Effects und 3D. Sie halfen uns künstliche Felsen zu bauen, um darin unsere hochauflösenden Kameras und Mikrophone zu verstecken. Ein Elektronikexperte, der bei der kanadischen Luftwaffe war, half uns, die Festplattenkameras mit größeren Laufwerken zu frisieren. Mit Strom versorgt wurden diese Kameras von speziellen Batterien, die von Bergsteigern auf dem Mount Everest benutzt werden. Er half uns auch, unbemannte Drohnen zu bauen, um so Luftaufnahmen zu bekommen - einen ferngesteuerten Helikopter mit einer kreiselstabilisierten High Definition Kamera und ein Zeppelin mit einer ferngesteuerten Kamera. Ein paar Freunde halfen dabei, die Kameras zu platzieren. Wir haben damit etliche Nächte zugebracht, in Tarnanzügen und mit bemalten Gesichtern. Die Wachen und die Polizei hatten lange Zeit keine Chance uns zu entdecken, weil wir militärfähige hochauflösende Wärmebildkameras nutzten, um die Berge nach Bewegungen abzusuchen. Andere Techniken kamen auch noch zum Einsatz.

WAS WAREN DIE GRÖßTEN HERAUSFORDERUNGEN WÄHREND DES DREHS?

"Die Bucht" ist sicher keine normale Filmproduktion. Ein Großteil unserer Arbeit fand mitten in der Nacht und geheim statt, und unsere größte Herausforderung war ganz einfach, nicht getötet oder verhaftet zu werden und für Monate im Knast zu landen, falls wir erwischt werden. Aber es gab auch andere Schwierigkeiten. Zu Beginn der Gründung unserer Non-Profit-Filmproduktionsfirma traf ich Steven Spielberg. Er riet mir nach seinen Erfahrungen mit "Der Weiße Hai" (Jaws, 1975) davon ab, jemals auf Booten oder mit Tieren zu drehen, weil es unberechenbar sei und zu hohe Kosten verursache. Nun ja, wir benutzen viele Boote beim Dreh von „Die Bucht“. Und wir haben mit vielen Tieren zu tun gehabt. Es war der Alptraum eines jeden Debütregisseurs.

HAT SIE DIE ARBEIT AN "DIE BUCHT" VERÄNDERT?

Ich bin seit 20 Jahren Vegetarier, oder vielmehr Pesketarier. Ich esse Fisch, aber nichts mit Beinen. Jetzt esse ich gar keinen Fisch mehr, der sich am oberen Ende der Nahrungskette befindet, weil ich durch die Dreharbeiten herausgefunden habe, dass ich eine Quecksilbervergiftung habe - sehr hohe Werte, die durch den Verzehr von Raubfischen entstanden sind, eben Fische am oberen Ende der Nahrungskette wie Thunfisch, Speerfisch, Felsenbarsch und Zackenbarsch. Meine Einstellung zu Tieren hat sich seit dem Dreh grundlegend geändert. Ich bin heute allem tierischen Leben gegenüber viel sensibler. Weil es schwierig ist, das Herz für sie wieder zu verschließen, nachdem einem die Augen für ihre Notlage erstmal geöffnet wurde. Delfine haben größere Gehirne als wir, sie besitzen mehr Nervenwindungen, haben einen zusätzlichen Sinn - Sonar -, und sie sind die einzigen bekannten Wildtiere, die Menschen in Not zur Hilfe eilen. Sie haben uns immer geholfen, und ich denke, jetzt ist es mal an der Zeit, dass ihnen jemand zur Hilfe kommt.

WAS WAR DIE ÜBERRASCHENDSTE ENTDECKUNG, DIE SIE WÄHREND DER DREHARBEITEN GEMACHT HABEN?

Dass es eine systematische Vertuschung des Quecksilberproblems und der Delfinjagd in Japan gibt. Die Japaner vertrauen ihrer Regierung. Doch die Regierung möchte nicht, dass ihre Bevölkerung grundlegende Informationen bekommt, die ihre Gesundheit betreffen. Vor allem die Tatsache, dass Delfinfleisch um ein Vielfaches giftiger ist, als es die gesetzlichen Grenzwerte des Landes erlauben. Korruption ist weit verbreitet, und es gibt Leute, die aus dieser Desinformation Profit schlagen.

GAB ES NEUE ENTWICKLUNGEN, SEIT SIE TAIJI VERLASSEN HABEN?

Delfinfleisch stand bis vor kurzem noch auf dem Schulspeiseplan. Das hörte dieses Jahr auf. Ric O’Barry und unsere Organisation, die Oceanic Preservation Society, waren dafür mit verantwortlich. Irgendwann wurden mehrere Stadträte von Taiji, die selbst Kinder in der Schule hatten, auf unsere Zusammenarbeit mit einem Experten für Giftstoffe aufmerksam. Sie ließen daraufhin ebenfalls Delfinfleisch testen, und diese Tests bestätigten unsere Ergebnisse. Als Folge bekommen die Kinder im Bezirk Wakamaya in der Schule heute kein vergiftetes Delfinfleisch mehr zu Essen. Der Leiter der Fischereien, Hideki Moronuki, der die Fangquoten für Delfine, Schweinswale und Wale festlegte, wurde daraufhin gefeuert. Aber die Jagd auf Delfine geht noch immer weiter. Wir hoffen, dass die Delfinjagd nächstes Jahr verboten wird, nachdem die japanische Bevölkerung von den Zuständen erfahren hat.

KÖNNEN SIE UNS MEHR ÜBER DIE OCEANIC PRESERVATION SOCIETY ERZÄHLEN? WIE IST SIE ENTSTANDEN?

Der Gründer der Oceanic Preservation Society ist der Erfinder und Risikofinanzier Jim Clark, ein moderner Zelig, der am Aufbau dreier bahnbrechender Industrien beteiligt war. Er hat sich selbst aus ärmsten Verhältnissen hochgearbeitet und war in seiner Collegezeit an der Entwicklung der Computersysteme beteiligt, die die Mondlandung ermöglichten. Als Professor in Stanford erfand er mit seiner Firma Silicon Graphics den ersten 3D Grafik-Computerchip, und mit seiner Firma Netscape hat er den ersten kommerziellen Internetbrowser auf den Markt gebracht. Nachdem bei ihm eine seltene Blutkrankheit diagnostiziert wurde, entwickelte er WebMd, ein Portal, das Ärzte und Patienten mit den neuesten Medizin- und Gesundheitsinformationen versorgt. Er war sein Leben lang nicht nur an vorderster Erfinderfront, sondern auch ein begeisterter Taucher und Segler. Er ist zu den weltweit best erhaltenen Riffs gereist und musste so im Laufe der Jahre auch den Kollaps der Ozeane beobachten. Er gründete OPS, um mit Filmen und Fotografien das Bewusstsein für die Misere der Meere zu schärfen. Ein Niedergang, der auch die Menschheit gefährdet, denn wir erhalten 70 Prozent unserer Proteine durch Meerestiere, einem verschwindenden und immer verschmutzteren Rohstoff.

WAS, HOFFEN SIE, NIMMT DAS PUBLIKUM AUS "DIE BUCHT" MIT?

Erstens hoffe ich, dass die Leute aufhören, mit ihren Kindern in Delfinparks oder zu "Schwimmprogrammen mit Delfinen" zu gehen. Intelligente, empfindsame Tiere blöde Tricks zu unserer Belustigung vorführen zu lassen, ist schlechte Erziehung für unsere Kinder. Zweitens hoffe ich, dass die Japaner aufhören, Delfine für ihre Ernährung zu töten. Denn - ethische Bedenken ganz außen vor - Delfinfleisch ist giftig und weder für menschlichen noch tierischen Verzehr geeignet. Drittens sind Delfine und Wale vor allem durch die Gifte verseucht, die durch menschliches Verschulden in die Meere gelangen. Das Verbrennen fossiler Brennstoffe, vor allem Kohle, trägt am meisten zum Anstieg des Quecksilbers in unserer Umwelt bei. Deshalb ist es wichtig, den Verbrauch von Kohle zu reduzieren. Aus diesem Grund haben wir in unserem OPS-Hauptsitz auch 117 Sonnenkollektoren, die 140 Prozent der von uns benötigten Energie produzieren. Und wir haben zwei Elektroautos, die allein durch Solarkraft betrieben werden. Jeder kann auf diese Weise seinen Beitrag leisten.