
Unter Verschluss - Die geheimen Schicksale der DDR-Frauen
Eingesperrt, um frei zu sein - Das geheime Frauengefängnis der DDR (SPIEGEL TV)
Sieben Meter hohe Mauern, eiskalte Zellen und sadistische Wärterinnen: Das Frauengefängnis Hoheneck im Erzgebirge gehört zu den dunklen Geheimnissen der DDR. In der 700 Jahre alten Burg verbüßten kriminelle Straftäterinnen, aber auch politische Gefangene langjährige Strafen. Die Haftbedingungen waren katastrophal, zahlreiche Insassinnen begingen Selbstmord. Was genau sich hinter den dicken Mauern abspielte, drang nicht an die Öffentlichkeit. Auf keiner Landkarte war das 55.000 Quadratmeter große Areal verzeichnet. Alles, was dort geschah, ist ausschließlich in geheimen Akten festgehalten worden.
SPIEGEL TV hat monatelang recherchiert, um die Wahrheit über Hoheneck herauszufinden. Exklusiv-Interviews mit ehemaligen Häftlingen verdeutlichen die Hoffnungslosigkeit der Insassinnen. Erstmals äußern sich auch frühere Aufseherinnen zu den Geschehnissen in der Burg. Bisher unveröffentlichte Archivbilder zeigen das Innenleben der Gefängnisfestung.
Es ist der 19. Februar 1977, kurz nach 22 Uhr, als für Eva-Maria Neumann die Welt zusammenbricht. Eingepfercht im Kofferraum einer Mercedes-Limousine will sie gemeinsam mit ihrem Mann Rudolph und der dreijährigen Tochter Constanze in die Bundesrepublik fliehen. Doch an der Grenzübergangsstelle Hirschberg entdecken DDR-Soldaten die "Republikflüchtlinge" - die junge Familie wird auseinandergerissen. Was Eva-Maria Neumann damals noch nicht weiß: Es sollen fast vier Jahre vergehen, bis sie ihre geliebte Tochter wiedersehen wird. Für die 26-Jährige beginnen die schlimmsten Jahre ihres Lebens: Sie wird nach Hoheneck gebracht.
21 Frauen hausen dort in einem Verwahrraum. Mit zeitweise mehr als 1.600 Insassinnen ist die Burg hoffnungslos überfüllt. Wer sich nicht an die strengen Regeln hält, wird in die alten Verliese der Burg gesperrt. Am meisten gefürchtet: die sogenannte Wasserzelle. Erstmals bestätigen ehemalige Häftlinge, dass die Zelle, in der Frauen stundenlang im Wasser stehen mussten, auch tatsächlich benutzt wurde.
Manuela Polaszczyk ist 20 Jahre alt, als sie ihre dreijährige Haftstrafe auf Hoheneck antritt. Sie wollte mit einer Freundin über die Ostsee in Richtung Bundesrepublik zu ihrem Vater fliehen. Der Fluchtversuch misslingt. 14 Monate verbringt die junge Frau in Haft. 14 Monate, die ihr Leben verändern und bis heute prägen. Sie erinnert sich: "Als ich dort ankam, war ich ein kleines, naives Etwas. Als ich rausging, habe ich mich gewundert, dass ich überhaupt noch lebe. Ich war um 50 Jahre gealtert. Geistig, körperlich, seelisch."
20 Jahre nach dem Fall der Mauer begibt sich Manuela Polaszczyk auf die Spuren ihrer Vergangenheit. In den Stasi-Akten ihres Vaters, der vor ihr aus der DDR geflohen war, macht sie eine schmerzhafte Entdeckung: Verraten haben sie die Menschen, die ihr am nächsten standen.
Auf Hoheneck ist der Alltag der Häftlinge durch ein strenges Drei-Schicht-System geregelt. In den Produktionshallen im Südflügel müssen die Frauen Waren für den Westen produzieren - von der Damen-Strumpfhose bis zum Oberhemd. Die Einhaltung der militärischen Disziplin überwachen Frauen wie Irina Kreuzer. Mehr als acht Jahre lang war sie als Aufseherin tätig. "Wir haben nur die Befehle ausgeführt", rechtfertigt sie das strenge Regiment der Wärterinnen. "Die Häftlinge sind ja nicht ohne Grund verurteilt worden."
Die Frauen von Hoheneck sind der Willkür der DDR-Führung hilflos ausgeliefert. Von ihren Büros im Verwaltungsgebäude der Burg steuert die Stasi den Einsatz von Spitzeln in den Zellen. Die als Schicksalsgenossinnen getarnten Frauen sollen den Häftlingen Namen von möglichen Komplizen entlocken. Um die politischen Häftlinge zu verunsichern, werden diese bevorzugt mit Mörderinnen in eine Zelle gesperrt. Für manche wird die Zeit im Gefängnis so unerträglich, dass sie sich absichtlich verletzen, um auf die Krankenstation zu kommen: Sie schlucken Löffel und Gabeln oder schieben sich Nähnadeln unter die Haut.
Der Film erzählt auch eine bislang unveröffentlichte Geschichte vom Beginn der friedlichen Revolution in Leipzig. Im Februar 1988 ruft Angelika Kanitz in einem Flugblatt zu einer friedlichen Demonstration auf. Auf einer Seite bringt die damals 34-jährige Kellnerin ihren Unmut zu Papier. Sie schreibt: "Wir wollen lieber heute als morgen die DDR verlassen. Wir bitten nicht mehr, wir fordern: Lasst uns hier raus!" Innerhalb weniger Wochen kommt die Stasi Angelika Kanitz auf die Spur. Das Flugblatt soll sie drei Jahre ihres Lebens kosten. Später wird sie von der Bundesrepublik freigekauft.
Dieses Glück hatte Ute Gesche nicht. Sie musste die volle Haftzeit als politische Gefangene absitzen. Die Germanistikstudentin aus Ostberlin verliebt sich im Dezember 1981 in einen Westberliner. Unter der Plane eines holländischen LKWs versucht sie ein Jahr später die Grenze zwischen Ungarn und Österreich zu passieren. Doch der Plan wird verraten. Die Flucht von Ute Gesche entzweit ihre Familie. Der Vater, ein hoher NVA-Funktionär, wird in die Reserve versetzt. Bis heute überzeugt von der Idee des Sozialismus, bekennt er sich trotzdem zu seiner republikflüchtigen Tochter. Ihr Bruder - auch Offizier der NVA - bewachte die Mauer an der Bernauer Strasse in Berlin. Bis heute reden die Geschwister kaum miteinander.

Schwestern im Herzen (Süddeutsche Zeitung TV)
Die NVA-Frauen. Die Lebenswege dreier Soldatinnen der DDR
1987. Die NVA produziert einen Propagandafilm über die ehrgeizigen Frauen der Nationalen Volksarmee. Es ist das einzige Filmdokument über die Ausbildung dieser Soldatinnen der DDR. Es sind ganz "normale" Frauen, die im Zweifelsfall auch zur Vaterlandsverteidigung mit Waffen bereit sind. Drei Mädchen, Katrin, Elvira und Rita, zwei Schwestern, stehen im Mittelpunkt des Filmteils über die Ausbildung. Geländeübungen, Schießen, korrektes Grüßen. 1993. Für eine Reportage treffen sich die drei Frauen wieder. Sie finden den alten Lehrfilm lustig, freuen sich an Erinnerungen an damals, als die Zukunft so klar und sicher war. Sie stehen immer noch zu ihrer Entscheidung, auch politisch, und sehen die DDR nicht als Unrechtsregime.
2009. Katrin ist 40, verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in einer Mietwohnung in Thüringen. Ihr Mann Dirk ist seit der Wende immer mal wieder arbeitslos. Katrin hatte schwere Krisen zu durchstehen, bis sie vor kurzem einen Bürojob fand.
Rita ist 39, verheiratet, hat drei Kinder und wohnt bei Göttingen. Sie arbeitet in einem Schnellrestaurant. Ihr Mann, den sie bei der NVA kennengelernt hat, ist umgeschulter Autoverkäufer und ohne Job.
Elvira, 39, ist geschieden, sie hat keine Kinder. Sie machte nach der NVA eine Ausbildung zur Polizeivollzugsbeamtin, war nach der Wende an der deutsch-polnischen Grenze auf der Jagd nach Schmugglern und arbeitet heute im Berliner Bundeskanzleramt. An freien Tagen fährt sie zu ihrer Schwester Rita nach Thüringen.
1993 waren die Schwestern Rita und Elvira junge Frauen, die gerade ihren Job verloren hatten. 2009 sind sie erwachsene Bundesbürgerinnen. Eine hat gewonnen, eine verloren. Eine wechselte einfach nur die Uniform, die andere verbannte ihre in den Keller. Die Kinder der einen interessieren sich für die DDR, den anderen ist die Geschichte ihrer Mütter egal. Alle drei Frauen sehen nichts Falsches in ihrer Vergangenheit - aber vieles kritisch an ihrer Gegenwart.
Einmal Schlager, immer Schlager - Gesangskarrieren im Osten Deutschlands
Sie waren die seichte Untermalung des oft farblosen DDR-Alltags: Die Schlagerstars des anderen Deutschland sangen wie ihre West-Kollegen von Herz und Schmerz - nur den Kommerz gab es so nicht, bis 1989. Mit dem Fall der Mauer begann für viele Unterhaltungskünstler zwischen Harz und Oder eine zweite Karriere - oder eben nicht. Einige verschwanden in der medialen Versenkung, andere hielten sich beachtlich und nur wenige können von sich behaupten, auch heute noch erfolgreich zu sein. Regina Thoss ist es und Dagmar Frederic auch. Beide gastieren auf Festen und Volksmusikabenden in den neuen Bundesländern. Ihr wirtschaftliches Fundament basiert darauf, dass viele Menschen die DDR-Vergangenheit verklären und mit den Stars von damals Erinnerungen an vermeintlich bessere Zeiten verbinden. "Die Leute haben sich zu meinen Liedern geküsst, das war doch nicht alles schlecht", sagt Regina Thoss heute.
Sie waren keine Wolf Biermanns, sie blieben unpolitisch und waren doch Teil eines Systems. Sie haben niemandem geschadet und doch einem Unrechtsstaat genützt. Sie arbeiten in einer der kapitalistischsten Branchen überhaupt - der Unterhaltungsindustrie - und werden doch von Menschen verehrt, von denen sich viele als Opfer eben jenes neuen Systems begreifen, das seit 20 Jahren ihrer aller Leben bestimmt.
Die Sogwirkung der anhaltenden Ostalgie ist immer noch so nachhaltig, dass Nachwuchsstars auf der Heimat-Welle reiten, die die DDR gar nicht mehr kannten. Wie die 16-jährige Franziska Katzmarek aus einem kleinen Dorf bei Halle/Saale. Sie bezieht ihr DDR-Bild aus den Erzählungen des Vaters, der sie seit ihrem Durchbruch bei einem Schlagerwettbewerb in Rostock managt.
SPIEGEL TV und Süddeutsche Zeitung TV mit der großen Samstags-Dokumentation "Unter Verschluss - Die geheimen Schicksale der DDR-Frauen" am 14.11. um 20:15 Uhr







