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Bizarre Propaganda-Show für den Despoten

Dirk Emmerich, RTL-Reporter
RTL-Reporter Dirk Emmerich bloggt aus der libyschen Hauptstadt.

Anhänger Gaddafis wirken wie Fans, die auf ihren Helden warten


"Allah Muammar Libyen - ein Volk". Der Ruf kommt aus zweitausend Kehlen in dieser Nacht, auf dem Platz vor der Ruine von Bab Al Aziziyah. Dazu wird getanzt und gesungen. Mehr als zwei Stunden. Sie stehen hinter ihrem Bruder Vater Gaddafi. Das alles wirkt bizarr und erinnert an die Fans vor einem Popkonzert, die auf ihren Helden warten.

Genau vor 25 Jahren, in der Nacht vom 14.-15. April 1986, hatte US-Präsident Reagan versucht, mit der 'Operation El Dorado' den libyschen Machthabe Muammar Gaddafi auszuschalten. Achtzehn Jagdbomber F-111 und vier Kampfflugzeuge bombardierten militärische Einrichtungen, Kasernenkomplexe, Marinestützpunkte und Flughäfen. Doch in seiner Festung Bab Al Aziziyah überlebte er die Angriffe unverletzt.

Seine Tochter Aisha war damals neun Jahre alt. Kurz nach Mitternacht betritt sie unter großem Jubel schließlich den Balkon der Ruine. Sie erinnert sich an die Angriffe. Die Anwältin, die wegen ihres Aussehens und ihrer Ausstrahlung als "Claudia Schiffer Nordafrikas" gilt, wettert gegen die USA, gegen die Luftangriffe von damals und gegen die Angriffe von heute. Immer wieder gehen Schlachtrufe über den Platz.

Die Masse ist emotionalisiert. Am Donnerstag-Nachmittag hatte die Nato mehrere Luftangriffe auf die Hauptstadt Tripolis geflogen. Die Detonationen und Rauchschwaden waren deutlich zu spüren und zu sehen. Wir Journalisten, die alle im Hotel Rixos untergebracht sind, wurden wenig später zur Universität gefahren. Nur 500 Meter entfernt wurde offenbar eine Radaranlage zerstört. Die Druckwelle hatte Fensterscheiben zerstört und im Vorlesungssaal den Teil einer Decke herabstürzen lassen. Mindestens sieben Studenten wurden verletzt. Spontan oder inszeniert, wenige Minuten nach unserer Ankunft in der Universität, gibt es eine Demonstration. Lautstark wird der Westen beschimpft, immer wieder vor allem die Franzosen. "Down Down, Sarkozy!" Grüne Fahnen werden geschwenkt, auch hier hat jeder Zweite ein Gaddafi-Plakat in der Hand, das trotzig in unsere Kameras gehalten wird.

Während die einen jubeln und feiern, kämpfen die anderen

Tripolis wirkt wie eine Insel in einem zutiefst widersprüchlichen und gespaltenen Land. Denn zeitgleich zu den jubelnden Gaddafi-Anhängern in der Hauptstadt wird gekämpft. In Misurata, der letzten von den Rebellen gehaltenen Enklave im westlichen Teil Libyens, spitzt sich die Situation mit jedem Tag weiter zu. Auch heute wird wieder von heftigem Artilleriebeschuss der Gaddafi-Truppen berichtet. Seit fünf Wochen wird die Stadt belagert. Die von den Rebellen gehaltenen Stadtviertel können nur über das Meer versorgt werden. Wenn es nicht endlich Unterstützung aus dem Westen gäbe, werde man nur noch ein paar Tage aushalten. Berichte, dass Nato-Schiffe die wenigen Hilfstrawler, die aus Malta oder Bengasi die Hafenstadt ansteuern, penibel kontrollieren und teilweise über Stunden aufhalten, stoßen hier bitter auf.

Auch im Osten Libyens wird weiter gekämpft. Das Regime streut immer mehr Hinweise, dass dort auch das Terror-Netzwerk Al Kaida seine Fäden zieht. Die Videobotschaft von Al Sawahiri, der Nummer Zwei im Netzwerk hinter Osama bin Laden, scheint das zu bestätigen. Er hat zum Sturz von Gaddafi aufgerufen und angemahnt, eine Invasion des Westens nicht zuzulassen. Dennoch ist es eine höchst bizarre Entwicklung, dass sowohl der Westen als auch Al Kaida zum Sturz des Despoten aufrufen.

Die Rebellen sind zunehmend enttäuscht, dass der Westen seinen Worten kaum Taten folgen lässt und jetzt statt einer militärischen Lösung auf eine politische Lösung setzt. Waffenstillstand, nationaler Dialog über Reformen - das hatten sie vor ein paar Tagen gerade erst abgelehnt, als die Afrikanische Union zu vermitteln versuchte und scheiterte. Sie wollen keine Reformen, sie wollen das System überwinden. Und dazu müsse erst einmal Gaddafi weg, sonst gehe gar nichts. Der Westen spricht aber inzwischen davon, dass man wohl noch eine Weile mit Gaddafi leben müsse und richtet sich auf einen längeren Konflikt ein.

Gaddafi verfolgt diese Entwicklung sehr genau. Ein Mann aus seinem Umfeld hat uns berichtet, man habe eigentlich schon in der ersten Nacht der Luftangriffe verstanden, dass die Nato es nicht wirklich ernst meint. Dafür seien es viel zu wenige Angriffe, viel zu marginale Ziele. Durch so etwas lasse sich Gaddafi nicht erschüttern, er habe gelernt mit der amerikanischen Bedrohung umzugehen.

"Allah Muammar Libyen - ein Volk." Nur wenige Minuten nach den Luftangriffen auf Tripolis vom Donnerstag hat sich der Machthaber im offenen Auto in der Innenstadt gezeigt und feiern lassen. Er wirkte nicht wie ein geschlagener Mann, der in den nächsten Tagen abtreten muss.

Den zweitausend Sympathisanten vor der Ruine von Bab Al Aziziyah hat er sich am Abend dennoch nicht noch einmal gezeigt. Zu zeigen, dass sein Clan weiter fest die Zügel in der Hand hält, hat er dieses Mal seiner schönen Tochter Aisha überlassen.
Dirk Emmerich bloggt aus Libyen

Libyen: Auf der Suche nach der Zukunft

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