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Achtjährige überlebte allein im Böhmerwald

Psychologe erklärt, was vermisste Julia aus Berlin durchgemacht hat

Julia (8) gefunden - lebend!
Julia (8) gefunden - lebend! Wunder-Rettung des Jahres 01:22

Nach Julias Rettung im Böhmerwald: Rascher Weg zurück in die Normalität

Nachts war es eiskalt, stockdunkel und es regnete – doch die achtjährige Julia aus Berlin hat überlebt. Das Mädchen ging bei einer Wanderung im Böhmerwald im deutsch-tschechischen Grenzgebiet verloren. Erst nach zwei Tagen und zwei Nächten allein in der Wildnis, fand ein Förster das Kind. Was hat die Achtjährige in der Zeit durchgemacht? Psychologe Stefan Rücker erklärt im RTL-Interview, was solche Extrem-Situationen bei Kindern auslösen können.

Psychologe Rücker: Kinder gehen unterschiedlich mit Stress um

„Wenn man nicht sicher ist, ob man eine Situation überlebt, dann entsteht Stress“, weiß der Experte. „Was wir sagen können, ist, dass eine solche Situation, im Alter von acht Jahren allein zu übernachten in einem Wald, sicherlich 100 Prozent aller Kinder überfordert. Kinder haben keine Stressbewältigungsmöglichkeit für so ein Erlebnis“, meint Rücker.

Wie ein Kind in so einer Situation mit dem Stress umginge, könne aber ganz unterschiedlich sein. Manche Kinder würden in Schockstarre verfallen, andere würden eine regelrechte „körperliche Überforderung“ erleben, weil der Stress bei ihnen Energieimpulse freisetze. Solche Kinder würden in der Lage, in der Julia sich fast 48 Stunden befand, rennen und schreien. „Es kann dann auch Resignation und Fatalismus eintreten“, so der Psychologe. Kinder könnten dann sogar mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen, um den Spannungszustand zu beenden, in dem sie sich befinden.

Julia braucht viel Zeit und Zuwendung

Psychologe Stefan Rücker zu Julia aus Berlin
Der Bremer Psychologe Dr. Stefan Rücker © RTL

„Kinder sind in dem Alter abhängig von ihren Eltern. Kinder, die dann noch übernachten – im Wald ohne Schutz, ohne Kontaktperson – erleben hier sicherlich fundamental Einschneidendes“, so Rücker. Er glaubt, dass Julia in nächster Zeit viel Zeit und Zuwendung brauchen wird, um das Erlebte zu verarbeiten.

Im Video: So geht es der Familie jetzt

Polizei erzählt: So geht es der Familie jetzt
Polizei erzählt: So geht es der Familie jetzt Julia S. (8) wurde lebend gefunden 01:09

Psychologe Rücker: Das macht ein traumatisches Erlebnis mit einer Kinderseele

Mutterseelenallein und verloren im Wald - ein traumatisches Erlebens für eine Kinderseele. Wichtig sei jetzt, dass das Umfeld dem Mädchen Geborgenheit und Zuversicht gibt. „Möglichst auch häufig dem Kind in naher Zukunft korrigierende Erfahrungen ermöglichen und zeigen: Das ist hoffentlich ein singuläres Ereignis, das sich nicht wiederholt und an der nächsten Ecke droht nicht schon wieder der erneute Verlust. Also so viel Normalität wie möglich“, empfiehlt der Psychologe.

Traumatisierte Kinder seien Kinder, die nicht erleben, dass sie in Sicherheit sind. Ihr Gefühl in Sicherheit zu sein – das sei fundamental erschüttert. Das könne bedeuten, dass Julia in den nächsten Tagen erst einmal Angst empfinden wird. Möglicherweise auch in Situationen, die mit diesem Ereignis nichts zu tun hätten, meint der Psychologe.

„Das heißt, es ist wichtig dem Kind möglichst viele Sicherheitssignale zu senden in den nächsten Wochen. Dem Kind zu versichern, dass es in Sicherheit ist“, so Rücker. Ein wichtiges Erfordernis sei eben auch, in die Normalität zurückzukehren, damit sich die extreme Belastung nicht manifestiere. „Traumata haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie sich nicht auswachsen, das heißt man muss Traumata rasch versorgen“, erklärt der Psychologe.

Was können Julias Eltern jetzt tun?

Wenn ein Kind verloren geht oder ihm etwas zustößt, machen sich Eltern meist schwere Vorwürfe, beschuldigen sich oft gegenseitig. Möglicherweise hadern auch Julias Eltern mit der Entscheidung, einen solchen Wanderausflug überhaupt gemacht zu haben. Der Selbstvorwurf mündet dann oft in einem Gefühl des eigenen Versagens. Doch „es ist wichtig, dass diese Eltern natürlich lernen, dass Leben auch ein Restrisiko beinhaltet und das so etwas passieren kann“, empfiehlt Rücker.

Julias Eltern würden gut daran tun, sich psychologisch begleiten zu lassen. Nach so einen Ereignis könne es passieren, dass Eltern überbehüten. Nach Meinung des Psychologen sei dies jedoch kein Erziehungsstil und auch kein Verhalten, das Kinder in ihrer Entwicklung fördert, sondern eher hemmt. „Diese Eltern sollten fachliche Leistungen in Anspruch nehmen“, so der Psychologe.

Momentan soll sich Julia in medizinischer Behandlung befinden. Die Familie ist laut Polizei überglücklich, wieder mit der Kleinen wieder vereint zu sein.(jgr/kra)

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