Corona

Wissenschaftler Prof. Dr. Kai Nagel schätzt ein

Steigende Inzidenzen: Kommt es bald wieder zu Einschränkungen?

10.07.2021, Hessen, Frankfurt/Main: Zahlreiche Menschen bevölkern am Nachmittag die Fußgängerzone auf der Zeil in der Innenstadt. Frankfurt weist mit einer 7-Tage-Inzidenz von über 20 bei den größten deutschen Städten die meisten Infektionen auf. (Au
Coronavirus - Frankfurt/Main © dpa, Frank Rumpenhorst, fru nic

Aktuelle Corona-Lage in Deutschland: Bald wieder Einschränkungen?

Es ist ein ständiges Auf und Ab: Fast die Hälfte der Deutschen ist bereits vollständig geimpft und auch die ersten Lockerungen wurden von den Deutschen dankend entgegen genommen. Wären da nicht noch immer die ansteckende Delta-Variante sowie der leichte Anstieg der Inzidenzen, die dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung machen könnten.

Müssen wir uns schon jetzt Sorgen machen vor neuen Einschränkungen? Mobilitätsforscher und Wissenschaftler, Prof. Dr. Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin, hat gegenüber RTL eine erste Hochrechnung gewagt.

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Was bedeutet die steigende Inzidenz für uns in Deutschland?

Eine Klinik-Mitarbeiterin zieht den Covid-19 Impfstoff von Biontech/Pfizer für eine Impfung auf eine Spritze.     (zu dpa "Corona-Impfung: Wie man die Zögerlichen und Unsicheren erreicht") Foto: Sven Hoppe/dpa ++
Weiterhin mit die wichtigste Waffe im Kampf gegen das Coronavirus: die Corona-Impfung. © dpa, Sven Hoppe, shp exa fdt jai fra

Erst hat sich für lange Zeit gar nichts getan, dann ging es auf einmal Schlag auf Schlag und wir durften uns über Inzidenzwerte von unter 5 freuen. Seit geraumer Zeit geht es allerdings wieder etwas nach oben, die Inzidenzwerte gleichen einer Achterbahnfahrt.

In Berlin hat die Corona-Inzidenz zum Beispiel die Marke von 20 überschritten und liegt am Mittwochmittag bei einem Wert von 21,8. Der derzeitige Wochentrend der Inzidenz, den man aus dem Lagebericht des Landesamts für Gesundheit und Soziales Berlin entnehmen kann, liegt bei einem Wert von ca. +100% – das wäre somit eine Verdopplung der Inzidenz von Woche zu Woche. Hieße am Beispiel von Berlin: Ab nächster Woche könnte die Inzidenz schon bei 40 liegen, danach die Woche bei 80 und in der Woche ab dem 9. August bei 160.

Für Prof. Dr. Kai Nagel, der auf dem Gebiet der Verkehrssystemplanung an der Technischen Universität Berlin lehrt und im Rahmen der Coronavirus-Pandemie immer wieder Modellierungen veröffentlicht, ist die Situation schwer einzuschätzen. Denn einerseits gibt es die Impfungen: „Wenn 50% der Bevölkerung geimpft sind, dann halbiert das unter ansonsten gleichen Bedingungen die Anzahl der Ansteckungen“, erläutert er gegenüber RTL. „Andererseits ist die Delta-Variante mindestens doppelt so ansteckend als die sogenannte Wildvariante, was die derzeitige Impfquote mehr als kompensiert“, führt Nagel weiter aus.

Seine These: Bezüglich der Eindämmung der Infektionen stehen wir derzeit sogar schlechter da als noch im vergangenen Sommer.

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Hohe Inzidenzwerte aufgrund der Impfquote?

Etwas Hoffnung gibt der Wissenschaftler allerdings mit auf den Weg: „Da die Impfquoten in den gefährdeten Teilen der Bevölkerung höher sind, ist zu hoffen, dass die Inzidenzen nicht ganz so stark wie in der Vergangenheit auf die Krankenhauszahlen durchschlagen.“ Was laut Nagel jedoch ebenfalls problematisch sein könnte, ist die Tatsache, dass die unter 12-Jährigen bisher kein Impfangebot erhalten haben – schlichtweg weil bisher noch kein geeigneter Impfstoff für diese Bevölkerungsgruppe existiert. Da das Ansteckungsrisiko dort höher ist, könnte sich das letzten Endes auch auf die Inzidenzwerte und eine deutliche Steigung nach oben auswirken.

Sollte die Inzidenz immer weiter steigen, müssten wir ab einem Wert von 35, 50 oder 100 erneut mit Einschränkungen rechnen. Wie diese genau aussehen werden, wird sich zeigen. Fakt ist, dass es dann auf jeden Fall nicht zu weiteren Lockerungen kommen wird. Ein Restaurant-Besuch nur mit negativem Test? Beim Friseur den Impfausweis vorlegen? Das könnte bald wieder Realität werden.

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Wie steigende Inzidenzzahlen in den Griff zu bekommen sind

Die gute Nachricht lautet, dass die Hochrechnung bisher nur mutmaßlich ist. Noch ist nichts entschieden und wir haben selbst in der Hand, ob wir es wirklich soweit kommen lassen wollen. Auch Prof. Dr. Nagel hat eine klare Einstellung zu dem Thema und ist überzeugt davon, dass man aktuell wieder einen Gang zurückschalten sollte, um eben einer möglichen vierten Welle vorzubeugen. „Sinnvoll wären sofortige verstärkte Schutzmaßnahmen in allen Innenräumen, einschließlich Arbeit und private Besuche“, meint er. Als Schutzmaßnahmen kämen beispielsweise die Maskenpflicht, mindestens eine Halbierung der Personendichte bei Treffen und Co. oder eine Zulassung nur mit einer Bescheinigung der „3G-Regel“ (geimpft, genesen, getestet) in Frage.

Vorsicht steht jetzt wieder an erster Stelle. „Ob das dann insgesamt reicht, um die Ausbreitung zu stoppen ist fraglich, aber zumindest hätten wir dann schon mal einen richtigen Schritt in die richtige Richtung gewagt“. (vdü)

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