Obdachlos - Einzug in ein neues Leben

Obdachlos - Einzug in ein neues Leben: Das Interview mit Oliver Ongaro - Streetworker bei fiftyfifty

"Obdachlos - Einzug in ein neues Leben" begleitet Menschen, die nach jahrelangem Leben auf der Straße völlig unerwartet eine Wohnung bekommen. Die Streetworker Oliver Ongaro und Julia von Lindern vom Verein "fiftyfifty" aus Düsseldorf, versuchen für
Obdachlos - Einzug in ein neues Leben © VOX, TVNOW

Fast ein Jahr lang begleitete die Produktionsfirma i&u im Auftrag von VOX die Obdachlosen bei ihrem Einzug in ein neues Leben mit der Kamera. Das TV-Projekt wurde vor allem durch die Sozialarbeiter von fiftyfifty unterstützt. Das Konzept „Housing First“, das in den USA und einigen anderen Ländern bereits sehr erfolgreich ist, hat die gemeinnützige Obdachlosenhilfe fiftyfifty als erste nach Deutschland geholt. Wir haben Oliver Ongaro, Streetworker bei fiftyfifty zum Interview getroffen.

Das Konzept „Housing First“

Sie geben Obdachlosen eine Wohnung mit unbefristetem Mietvertrag, ohne Vorbedingungen, um ihnen so eine zweite Chance zu geben. Zusammen mit dem Verband Paritätische NRW und dem Land NRW hat die Organisation einen Fonds mitsamt einer Benefiz-Galerie gegründet, aus dessen Mitteln „Housing First" im ganzen Bundesland etabliert werden soll. Namhafte Künstler wie Gerhard Richter und Markus Lüpertz unterstützen den Verein und spenden einige ihrer Werke. Aus den Verkaufserlösen können Wohnungen für Obdachlose gekauft und hergerichtet werden.

Wieso ist das Prinzip „Housing First“ so erfolgreich?

Langzeit-Obdachlose Menschen haben auf dem regulären Wohnungsmarkt hierzulande kaum eine Chance und werden auch vom Hilfesystem abgeschrieben. Meist durchlaufen sie ein ewiges Hamsterrad: Sie leben im Betreuten Wohnen, aber nur wenn sie sich um ihre Entschuldung kümmern oder ihre Suchtkrankheit in den Griff kriegen. Und wenn sie irgendwas von dem nicht schaffen, landen sie wieder auf der Straße. Die Philosophie von Housing First ist: „Zuerst ein Dach über dem Kopf, alles andere wird schon“. Der Grundstein ist eine Homebase, von der aus man in ein neues Leben starten kann. Die ehemaligen Obdachlosen bekommen einen regulären Mietvertrag. Die einzige Bedingung ist, dass sie sich so verhalten wie jeder andere Mieter in einem normalen Mietshaus auch. Wichtig ist ein stabiles Wohnumfeld, wir bringen die Menschen in ganz normalen Mietshäusern unter. Das färbt oft sehr positiv auf die neuen Mieter ab. In den Einrichtungen der Obdachlosen- und Wohnungslosenhilfe treffen sich dagegen Menschen mit ähnlichen Problemen -  psychischen Auffälligkeiten, Drogensucht, Verschuldung, Arbeitslosigkeit - auf engem Raum. Das ist wenig hilfreich - und färbt ebenfalls ab, dann oft ins Negative.

Inwiefern helfen Sie als Streetworker den Obdachlosen nach ihrem „Einzug ins neue Leben“?

Als Streetworker habe ich obdachlose Menschen auf der Straße quasi auch in ihrem „Schlafzimmer“ besucht, also in Hauseingängen, leerstehenden Fabrikhallen, in Parks etc. Unser Streetwork-Team und ich kennen die Lebenssituation, deshalb ist auch kein Anliegen der Betroffenen komisch für uns. Hilfe beim Wäschewaschen oder Aufräumen gehören genauso dazu wie Strom anmelden oder Möbel beschaffen. Wichtig ist, dass diese Menschen, die oft ihr halbes Leben auf der Straße verbracht haben, uns vertrauen und dass, wir als Sozialarbeiter sie ernst nehmen, auch wenn uns manche Probleme so banal erscheinen.

Wie werden die Obdachlosen ausgewählt, die eine Wohnung bekommen?

Wir diskutieren das in unserem Sozialarbeiterteam. Wir wählen Menschen aus, die jahrelang auf der Straße leben, die wir von unseren Streetwork-Rundgängen kennen. Oft haben wir Obdachlose schneller untergebracht, die in einem schlechten gesundheitlichen Zustand gewesen sind, bei denen wir Sorge hatten, dass sie den nächsten Winter auf der Straße nicht überleben. Wir schauen also nicht, wer könnte es am Besten schaffen, sondern wer hat die schlechtesten Chancen, selbst wieder auf die Beine zu kommen.

Welche Höhen und Tiefen durchleben die Obdachlosen nach dem Einzug in eine eigene Wohnung?

Ein sauberes Badezimmer zu haben, sich ein Zimmer einrichten zu können, ein Foto auf zu hängen, selber zu kochen, im Warmen zu sitzen, ruhig zu schlafen und keine Angst zu haben, dass nachts jemand kommt, das sind sicherlich die Glücksmomente in der neuen Wohnung. Auf der anderen Seite muss man die vielen schlimmen Erfahrungen verarbeiten, die man auf der Straße gemacht hat. Die Sucht in den Griff bekommen, ein oft langer und schwieriger Weg. In die Zukunft schauen und dabei keine Panikattacke bekommen. Sich wieder als vollwertiger Mensch in dieser Gesellschaft fühlen. Viele alltägliche Dinge, die uns so selbstverständlich erscheinen, müssen wieder erlernt werden.

Welche Momente aus der Dokumentationsreihe haben Sie besonders berührt?

Die Freude der Leute beim Einzug, wenn wir ihnen den Schlüssel in die Hand gedrückt haben, war ein ganz berührender Moment. Zu sehen, wie Ela aufgehört hat, Drogen zu nehmen und auf einmal ein ganz anderer Mensch war. Überhaupt zu sehen, dass Menschen, die man sonst auf der Straße im Schlafsack auf der Straße sitzend angetroffen hat, wieder Mut fassen, ihr Leben in die Hand nehmen.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen während der Dreharbeiten?

Dass ich mich so verhalte, als wäre die Kamera nicht da. Es gab ja auch viele berührende und auch traurige Augenblicke bei den Aufnahmen. Den schmalen Grat zu wahren, was kann man den Protagonisten noch zu muten, vor der Kamera und ab wann ist es nur noch „Seelenstriptease“. Es gab kein Drehbuch, begleitet wurde das reale Leben, oft bitter und grell. Die richtigen Worte zu finden, damit die Zuschauer nachher auch verstehen, warum obdachlose Menschen sich so verhalten und nicht verständnislos mit dem Kopf schütteln.

Mein Dank geht an Oliver Krämer und das ganze Team von i&u für die gute Zusammenarbeit.

In welchen Situationen stoßen Sie an ihre Grenzen? Wann kommen sie nicht mehr an die Obdachlosen heran?

Drogenrückfälle mit Alkohol oder harten Drogen und Depressionen sind die schwierigen Momente für mich. Wenn ich merke, dass ich den Menschen nicht mehr erreichen kann. Wenn ich zusehen muss, dass jemand im Strudel aus traumatischen Kinder- und Familienerinnerungen versinkt, sich selber nicht mehr aushält, sich mit Drogen oder Alkohol betäuben muss. Ich zum fünften Mal angeboten habe, den Menschen in die Entgiftung zu fahren. Sie oder er aber nicht will. Aber ich oder wir als Sozialarbeiter können nur eine „Krücke“ sein, Gehen müssen die Betroffenen alleine. Ich kann diese Krücke nur immer wieder anbieten. Ich habe auch schon erlebt, dass Menschen die Hilfe nicht annehmen konnten und dann letztendlich auch auf der Straße gestorben sind.

Wie gehen Sie mit dem Vorurteil um, dass niemand in Deutschland obdachlos sein muss?

Fakt ist, dass geschätzt fast eine Million Menschen in Deutschland kein Dach über dem Kopf haben. In den letzten Jahren sind zehntausende Sozialwohnungen aus der niedrigen Preisbindung gefallen. Wir erleben auf dem Wohnungsmarkt ein Eldorado des „Heuschrecken“-Kapitalismus. Großkonzerne nutzen Wohnraum nur noch als Kapitalanlage und zur Profitsteigerung. Hier haben eben der Sozialstaat und die Politik versagt und müssen dringend eingreifen. Er nutzt nichts, noch mehr Notunterkünfte, Tafeln oder andere Almosen bereitzustellen. Wir brauchen in diesem Land Wohnungen mit Mietpreisen, die sich auch arme Menschen leisten können. Es müssen mehr Voraussetzungen geschaffen werden, damit Menschen aus dem Teufelskreis der Armut – keine Wohnung, keine Arbeit – herauskommen.

Wie gelingt es Ihnen, die oft emotionalen Biografien der Obdachlosen nicht mit nach Hause zu nehmen?

Ich glaube an Menschen und Veränderung, dass jeder in seinem Leben noch mal einen anderen Weg einschlagen kann. Wenn Obdachlose auf der Straße sterben, die ich jahrelang kannte, bin ich natürlich sehr traurig. Ich habe eine Familie mit zwei Kindern, mit denen ich gerne Zeit verbringe und dann oft glücklich bin. Außerdem trainiere ich seit 20 Jahren Wing Tsun, chinesisches Kung Fu. Das hilft mir, den oft emotional sehr belasteten Alltag zu vergessen und den Kopf frei zu bekommen.

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