Dokumentation

Sa I 31.08. I 20:15

Kindheit unterm Hakenkreuz - 80 Jahre 2. Weltkrieg

Schrecken und Entbehrungen, Angst und Hilflosigkeit, Hunger und Kälte, aber auch Freude, Hoffnung und Glück. Millionen von Kindern machen im Zweiten Weltkrieg mehr durch als andere in ihrem ganzen Leben. 80 Jahre nach Kriegsbeginn geht VOX mit neun von ihnen auf eine letzte große Reise - eine Reise in ihre Vergangenheit: Was haben die Kriegskinder von damals erlebt? Und: Wie hat es sie bis heute geprägt?

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen beginnt, ist er für viele Kinder noch ein Abenteuer. Von klein auf im Sinne des Nationalsozialismus erzogen, begreifen sie nicht, was Krieg eigentlich bedeutet. Als er zu ihnen nach Hause kommt werden Angst und Schrecken plötzlich Teil des Alltags. Viele Kinder verlieren dabei ihr Zuhause, manche ihre ganze Familie, andere werden von den Nazis verfolgt, missbraucht und getötet. Was machen solche Erlebnisse mit Kinderseelen? Die Kriegskinder von damals sind heute alt. Viele haben die Erlebnisse nie richtig verarbeitet. Welche Rolle spielen die Ängste im Leben der Kriegskinder heute? VOX begleitet neun Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt und überlebt haben, und reist mit ihnen an die Plätze ihrer Kindheit: an Orte des Grauen, des Todes, aber auch des Glücks und unbeschwerter Stunden. Die Generation der Enkel steht den Zeitzeugen dabei zur Seite, um Fragen zu stellen - und um zu verstehen, was damals geschah. Die Reise führt VOX dabei quer durch die heutige Bundesrepublik, aber auch nach Tschechien, Polen oder Ungarn. Historisches Archivmaterial zeigt, wie es damals war. Viele der Zeitzeugen haben lange geschwiegen, das Erlebte verdrängt. VOX will ihre Erinnerungen wachhalten, bevor es zu spät ist. Neun Menschen. Neun Schicksale. Sie alle gehören zu den letzten Zeitzeugen einer Jahrhundertkatastrophe. Jede der Kindheitsgeschichten ist anders. Sie erzählen von Propaganda und Rassenwahn, Luftangriffe und Bombenkeller, Trümmer und Landverschickung, Flucht und Vertreibung, Trennung und Tod. So unterschiedlich ihre Schicksale sind, eines haben sie alle gemeinsam: Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg haben bei ihnen tiefe Spuren hinterlassen. Claus Günther (Jg. 1931, 88 Jahre) erlebte den Krieg in Hamburg. Sein Vater war Mitglied in der SA. Bis heute fragt sich Claus, wie sehr er an den Verbrechen der Nazis beteiligt war. Claus ist heute Hamburgs ältester Poetry Slammer, verarbeitet die Erlebnisse in seinen Texten. Sally Perel (Jg. 1925, 94 Jahre) ist Jude, sein Schicksal spektakulär. Um zu überleben verleugnete er seine Herkunft, gab sich als Volksdeutscher aus und schlüpfte in die HJ-Uniform. Sallys unglaubliche Geschichte wurde als 'Hitlerjunge Salomon' verfilmt und sogar für den Oscar nominiert. Giulia Hahn-Massari (Jg. 1927, 92 Jahre) ist gebürtige Italienerin. Mit zwei Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Nürnberg und war hautnah dabei, als Hitler und die NSDAP ihre Reichsparteitage abhielten. Einmal begegnete sie Hitler sogar persönlich. Horst Rübenkamp (Jg. 1932, 87 Jahre) überlebte die totale Ausbombung in seiner Heimatstadt Essen. Direkt danach wurde er als Kind aufs Land verschickt und verbrachte dort die schönste Zeit seiner Kindheit. Bei Kriegsende wurde Horst von der grausamen Realität eingeholt und Zeuge der Todesmärsche, die vom KZ Flossenbürg losgingen. Eva Sternheim-Peters (Jg. 1925, 94 Jahre) wohnte damals in Paderborn. Sie war vom Nationalsozialismus begeistert, stieg sogar zur Scharführerin beim BDM auf. Nach dem Krieg studierte Eva Psychologie und stellte sich zeitlebens die Frage nach dem ‚Warum?‘. Ilse Wandrei (Jg. 1936, 83 Jahre) floh mit acht Jahren aus ihrer Heimatstadt Marienburg im heutigen Polen vor der russischen Armee. Nach über 70 Jahren reist sie zum ersten Mal wieder dorthin. Die Schrecken der Flucht prägen sie bis heute. Eva Szepesi (29.09.1932, 86 Jahre) wuchs in Budapest auf. Die Jüdin wurde mit zwölf Jahren ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht und überlebte mit nur wenigen anderen. Ihre Eltern und ihr Bruder wurden ermordet. Heute wohnt sie in Frankfurt/Main und kämpft als Zeitzeugin gegen das Vergessen. Thilde Gruber-Melchers (12. 09. 1931, 87 Jahre) hat die Befreiung Deutschlands durch die Amerikaner in Bayern miterlebt. Heute engagiert sie sich in der Flüchtlingshilfe. Ihr Schützling Salsabeel (18) kommt aus Syrien. Ihre Flucht aus dem Krisengebiet zeigt, dass Krieg heute leider aktueller ist denn je. Johanna Ruf (Jg. 1929, 90 Jahre) gelang in den letzten Kriegstagen '45 in den Führerbunker in Berlin, half als BDM-Mädchen im Lazarett. Hier traf sie als 15-Jährige auf Goebbels und ohrfeigte sogar dessen Sohn. Ihre Geschichte erzählt sie in ihrem Tagebuch 'Eine Backpfeife für den kleinen Goebbels'.